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Mittwoch, 20. September 2017

Vom Biergarten in die Bundesliga

Seit ’97 bei 96: Vor nunmehr genau 20 Jahren übernahm MARTIN KIND (73) den Vorsitz in Hannover. Aus der Notlösung wurde eine Ära mit weitreichenden Folgen.


Gerne bedient sich Martin Kind in diesen Tagen eines Hinweises auf den Werdegang seines Klubs in den zurückliegenden 20 Jahren. Wenn Hannovers Boss dann von einer Erfolgsstory spricht, gefällt er damit nicht allen und macht sich bei einigen sogar zur Zielscheibe der Kritik. Dabei scheint der Blick in die Vergangenheit doch auch bei dem Traditionsverein ein taugliches Mittel, um die Gegenwart besser einzuordnen. Kinds Story beginnt 1997. Nach dem Abstieg im Jubiläumsjahr hat 96 gerade den direkten Wiederaufstieg in die 2. Liga in zwei Entscheidungsspielen gegen Nordost-Meister Energie Cottbus verpasst und dümpelt weiterhin in der Drittklassigkeit. Gegner in der Regionalliga Nord sind die Stadtkonkurrenten Arminia Hannover, Sportfreunde Ricklingen oder der benachbarte TuS Celle FC. Im Titelrennen geht es gegen die ebenfalls abgestürzte Braunschweiger Eintracht. Das Hinspiel der Erzrivalen im Niedersachsenstadion überträgt der NDR live – und 96 freut sich über eine TV-Sondergage: 90 000 D-Mark, freilich, trotz weiterer Sponsoreneinnahmen an diesem Abend, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn im Vorfeld der Mitgliederversammlung im September berichtet der Vorsitzende Utz Claassen von einem erdrückenden Schuldenberg – umgerechnet fast sechs Millionen Euro.

Die Insolvenz des zerklüfteten Klubs, in dem Strafanzeigen zum üblichen Mittel der internen Auseinandersetzung werden, steht bevor. Die Versammlung selbst gerät zum spektakulä ren Schauspiel. Vom ehrwürdigen Beethovensaal des Hannover Congress Centrums wird sie – wegen des großen Andrangs – in die großräumigen Brauereigaststätten mit ihren Biergärten im Stadtteil Wülfel verlegt. Personenschutz für Claassen als Überbringer der schlechten Nachricht, vor allem aber als Gegenspieler des beliebten, von ihm dreimal als fristlos entlassen erklärten 96-Managers Franz Gerber. Ein Polizeiaufgebot sichert den Ort, es gibt Tumulte vor dem Eingang und sogar eine Bombendrohung. Martin Kind fällt es dennoch schwer, im Zusammenhang mit seinem Klub von „Chaos“ zu sprechen. 96 sei ein „Scheißverein gewesen, der in über 100 Jahren nichts geschaffen hat“, entfährt es ihm zwar einmal im April 2013. Inzwischen aber wählt er seine Worte deutlich moderater. „Nennen wir es einen Scherbenhaufen, den ich damals vorfand“, sagt er über das Gebilde, in das er an diesem Abend hineingerät und das Teil seines Lebenswerkes werden sollte.

Ein Kreis von Leuten für den Neuaufbau hatte ihn gefragt, ob er Verantwortung übernehme. Schon damals aber gibt es satzungsrechtliche Schwierigkeiten. Vorsitzender kann nur sein, wer dem Verein zumindest ein Jahr lang angehört. Das trifft auf Kind an jenem Tag nicht zu. Doch die rund 3000 anwesenden Mitgliedern votieren für eine Reform – seiner Wahl an jenem 26. September 1997 steht schließlich nichts mehr entgegen. Vom Biergarten in Wülfel führt Martin Kinds Weg mit Hannover 96 später bis in die Bundesliga. Daran jedoch, dass er eine Ära mit weitreichenden Folgen für den Verein und durchaus auch für den deutschen Profifußball an sich begründen würde, ist bei der anfänglichen Notlösung zunächst überhaupt nicht zu denken. Gerade hatte der letzte Mitarbeiter bei 96 gekündigt. Die Verwaltung hatte sich buchstäblich aufgelöst. Infrastruktur? Nicht wirklich vorhanden. Kind stellt Büros und Inventar in seinem Hauptsitz in Großburgwedel zur Verfügung. Ehrenamtlich lenkt er mithilfe eigener Mitarbeiter neben seiner Hörgerätefirma auch die Vereinsgeschicke: Finanzrechnungswesen, Vertragsmanagement, Gespräche mit der Hausbank, mit Gönnern wie ihm. „In der Anfangsphase waren das täglich mindestens acht Stunden.“

Und Kind setzt die Controller seines Betriebes darauf an, Szenarien für verschiedene Spielklassen zu erstellen. „Es wurde sehr schnell klar, dass Hannover unter wirtschaftlichen Aspekten in die 1. Liga zurück musste.“ Eine Steilvorlage für Kind. Die Vision vom „Unternehmen Profifußball“ ist geboren. Sportlich gibt es 1997 zum Glück „Goldreserven“. Als Trainer fungiert mit Reinhold Fanz ein dem Verein verbundener Mann, unterstützt vom umtriebigen Gerber, der sich laut richterlichem Bescheid zwar auch wieder „Vorstandsmitglied“ nennen darf, unter Kind jedoch als Manager fungiert. Zum Garanten für den 1998 im Elfmeterschießen gegen TeBe Berlin erreichten Zweitligaaufstieg und eine fortan bessere Zukunft avanciert schließlich die Mannschaft – bestückt mit Talenten wie Fabian Ernst, Gerald Asamoah, Otto Addo oder wenig später Sebastian Kehl. 2002 gelingt die Rückkehr in die 1. Liga, 2005 nimmt Kind als Vorsitzender den Hut – im Glauben, das Feld sei bestellt. Doch der Abschied wird nur zur zehnmonatigen Auszeit, bereits im Juli 2006 kehrt er in die immer noch nicht gefestigte Administration zurück.

Förderer als Gesellschafter der 1999 gegründeten Fußball-GmbH bleibt er mit wachsenden Anteilen ununterbrochen, bis heute mit Summen in klar zweistelliger Millionenhöhe. „Zuwendungen, die ich als Darlehen gesehen habe. In der Hoffnung, es einmal zurückzukriegen …“ Ein frommer Wunsch. Doch genau diese durchgehende erhebliche Unterstützung des Vereins legitimiert die Privatperson Kind nun, nach 20 Jahren, zur mehrheitlichen Übernahme der GmbH nach Diktion der DFL, mit der er selbst 2011 den viel diskutierten Kompromiss zur 50+1-Regel erreicht hatte. Einmal noch, 2016, erlebt er einen schweren Rückschlag, als 96 nach 14 Jahren im Oberhaus und zeitweiliger Europapokal-Präsenz absteigt. Ein Betriebsunfall, den Kind verbal und materiell mit Vehemenz repariert. Den sofortigen Wiederaufstieg nennt er „alternativlos“ und nimmt dafür finanzielle Verluste, die sich zusammen mit den Absicherungen für die aktuelle Saison auf rund 20 Millionen Euro belaufen, in Kauf. Obschon diese Einbußen die Schulden von einst um ein Vielfaches übersteigen – problematisch oder gar existenzbedrohend sind sie nicht. Mit der Ausgliederung des Profifußballs aus dem eingetragenen Verein und dem Kapital aus dem Gesellschafterkreis um Kind in der GmbH & Co. KGaA steht Hannover 96 wirtschaftlich solide da.

Der Ausbau des Stadions zur WMArena 2006 wurde mit rund 40 Millionen Euro unterstützt, der Neubau der Akademie bis 2016 kostete 18 Millionen. Ein neues „Vereinshaus“ für die 15 im e.V. verbliebenen Sparten verschlingt in einem ersten Bauabschnitt zehn Millionen Euro, darunter geliehenes Geld, das den Verein belaste, wie Kritiker anmerken. Kind hebt das Haus jedoch als Leuchtturm hervor und beschwört den Spagat zwischen sozialer Verantwortung hier und erfolgreichem Fußball-Business dort, formuliert seit 20 Jahren als Zwei-Säulen-Modell unter dem Dach „Hannover 96“. Alles scheint schön und gut, wäre da nicht die nun unmittelbar bevorstehende mehrheitliche Übernahme der Profisparte durch Kind. Oft diffus und unstrukturiert, teilweise persönlich diffamierend oder zumindest von wenig Sachkenntnis geprägt verliefen bis zuletzt die Debatten. Kind trägt und steht sie aus, hatte doch der überwiegende Teil der Basis seine schrittweisen Veränderungen stets gebilligt. Das Bekenntnis zum Geschäft Profifußball impliziert für Kind nun einmal den Wandel zur Wirtschaftskraft, wo nicht mehr vom „Volk“, sondern von den Geldgebern bestimmte Geschäftsführer über den Einsatz von Millionensummen entscheiden.

Und wo die von den Oppositionellen geforderte Demokratie und Mitbestimmung an ihre Grenzen stoßen. „Ich wollte beweisen, dass ich das hinbekomme“, hatte Hannovers Macher gestanden. „Die Herausforderung führte dazu, dass ich lernen wollte.“ Und dass er Ehrgeiz entwickelte, der keinen Geringeren als Uli Hoeneß einmal zur Bemerkung veranlasste, man müsse am Ende aufpassen, noch alle Finger an der Hand zu haben, wenn man mit Kind verhandele. „Die Entscheidungen sind alle getroffen“, hält dieser nun kurz vor der Vollendung seiner Pläne fest. Die Gegner geben nur schwerlich Ruhe. Doch es gelingt nicht, den Vereinspatron aus der Reserve zu locken. „Wir haben eine klare Strategie“, stellt Kind fast stur fest. „Jetzt wird sie konsequent umgesetzt.“ Auf für ihn unbekanntes Terrain gezogen ist Martin Kind dort den Weg gegen alle Widerstände zwei Jahrzehnte gegangen. Konfliktfähig, wenn nötig knallhart. Kälte, die aus ureigenem, überzeugtem unternehmerischem Kalkül resultiert, mögen ihm seine Kritiker unterstellen, vielleicht sogar zu Recht. Nicht absprechen können sie ihm die Leidenschaft, mit der er sich einsetzt. Für den Sport, wie er ihn versteht.

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